Gettin´ away with it, all messed up
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Sie hat ein Portrait über ihn gelesen, vor Jahren. Nun wieder etwas über ihn, sein Konterfei auf dem Cover des Magazins. Sie muss es lesen, sie muss. Ein interview diesmal. Er lässt tief blicken diesmal. Doch immer noch bleiben fragen offen. Sie will mehr lesen. Viel mehr, egal was, Hauptsache alles verdrängen. Alles was im letzten Jahr passiert ist. Und noch mehr, früher, alles was jetzt wieder hochkommt. Da kam ihr das Interview gerade recht. Doch jetzt fühlt sie sich leerer als zuvor. Sie guckt in die Tiefe des Raumes und denkt über wichtige Fragen nach. Warum es dunkel wird, sobald geschwiegen wird. Warum Regen nach Erinnerung riecht. Warum sie weint und dabei ihre Knie umfasst. Warum sie immer kalte Füße hat, wenn ihre Mutter anruft und...
Sie steht auf und löscht die Kerze. Aus Frust. Weil sie die Kerze aufgestellt hat, weil man das im November eben so macht.
„Du bist mein Lebenswerk“ war der letzte Satz aus seinem letzten Brief. Einen Tag später dann der Anruf mit der Nachricht, dass er sich umgebracht hatte.
Sie ist sauer auf sich, weil es in ihr nichts bewegt hatte und sie trotzdem einen Monat nur MÙM gehört hat, auf ihn, weil er sich ausgerechnet den Hollywood-Freitod gewählt hatte. Sauer auf die anderen, die so oft angerufen hatten in der letzten Zeit. Als hätte sie vorher nicht existiert. Und auf ihre Eltern, die das alles einfach nicht verstanden, gar nichts verstanden und doch immer nur Forderungen stellten.
Sie setzt sich auf die Fensterbank und liest zum vierten Mal in einer Stunde Peter Bichsel und will weg und kann doch nicht. Und alles verschwimmt wieder. Bei den Gedanken an Kindheit und dem Resultat daraus, dass „Mensch-Ärger-Dich-Nicht!“ eben nicht das wahre Leben ist. Und sie wird traurig. Doch nur kurz, sie fasst sich sehr bald.
Warum denkt man so viel, eine ihrer Fragen. Ist es nicht leichter dumm zu leben, einfach nur Grundbedürfnisse abstecken, erfassen und decken, anstatt stetig auf der Suche zu sein nach etwas, was einem sowieso keiner geben kann. Menschen bauen Gräben, damit ein schwächerer hineinfällt. Sobald ein Schwacher wüsste, wo die Schaufel steht, wäre das System der Stärkeren dem Ende geweiht. Die Lösung heisst Täuschung und funktioniert.
Sie hat Hunger. Nach drei Tagen das erste Mal wieder. Wenn sie das Haus in letzter Zeit überhaupt mal verlassen hatte, fühlte sie sich immer verlassen. Aber verfolgt. Von Phantomen und Geistern. Wenigstens überhaupt jemand, denkt sie jetzt. Doch das glaubt sie sich jetzt selbst nicht. Dafür ist die Wohnung zu erwartungsvoll und klar. Dafür riecht es zu gut. So spät.
So sitzt sie nun sehr lange auf der Fensterbank und starrt. Neben ihr liegt ein aufgeschlagenes Buch. Bukowski. Sie überlegt und hebt es hoch. Dabei fällt ein Zettel aus dem Buch. Sie liest. Es ist Fausers Liebesgedicht. Handgeschrieben von ihm. Jetzt ist er tot. Schluss.
Wie viele Notizbücher hat sie mit ihren Gedanken gefüllt. Die Stupidität darin ist ihr so klar erkennbar, dass sie schreien möchte. Doch es ist ihr wichtig. Wichtig für sie, jedes gedachte Wort in Buchstaben festgehalten zu wissen. So deutlich, dass man sie bei jedem Blick aus dem Fenster über der Stadt sehen kann.
Sie streicht über ihr Tattoo. „Love is just a miserable lie“ murmelt sie und denkt an England.
Da muss ich wieder hin, zurück, hier alles aufgeben und neu beginnen. Wie kindlich und verloren das in diesem Moment klingt ist ihr bewusst, doch es ist ihr egal. Denn da ist etwas in ihr. Etwas großes, wichtiges.
Und zum ersten Mal kann sie um ihn weinen.



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